Der Maler
Marcus Günther - von der
Traum-Recherche zur Attacke, Grenzüberschreitungen sind an jeder Ecke ortbar. Formen der Überwindungen,
die jedoch aus einem Zustand der scheinbar ideologischen Verhärmtheit in den
Orkus eines verspielten En-vogue-Dominators abgeglitten sind. Statt eines
"modernen" Grollens, dringt ab sofort nur das leise Seufzen der "post"-
modernen Melancholie empor, die hitgewordene Ode sammelt ihre Kraft aus
der Maxime: "Alles ist schon dagewesen". Ein Abgesang, dem nicht nur der
französische Kunstdenker Jean-Francois Lyotard vehement entgegentritt: "Das
Ganze ist nicht darstellbar. Also bleibt noch viel zu sagen." Diese Quelle des
Sprudelns nicht nur zu entdecken, sie auch zu greifen, zu modellieren, vertolgt
seit nunmehr drei Jahren Marcus Günther.
Kompromißlos jeden Schritt des auf die Leinwand Bannens als Wagnis zu verstehen,
ist fur ihn ein kurzer, aber um so explosiver Akt des Formulierens, der sich als
Fixierung eines Kontrastes versteht. Denn seine zwischen Mittel- und Großformat
changierenden Momentaufnahmen sind immer auch Zeugnisse vom eigenen, inneren
Steinbruch, auf dem sich gleich Platons Höllenschatten Linien, Flachen imaginierter
Traumwelten abbilden. Dies aber immer mit einer radikalen Handschrift, die lediglich
den Skizzenweg als Vergewisserung zuläßt.
Umgehend, nie die Schöpfungsdauer von sieben Tagen uberschreitend, setzt
Günther mit gespachtelten Acryl- und Ölfarben Zeichen einer beginnenden
Dynamik, Zeichen von etwas Neuem, das sich inmitten der Strenge, die die
Komposition und die formale Spannung sonst aufweisen, Bahn bricht. Hinter
der Pragnanz, die sich trotz (oder wegen?) der impulsiv-grellen Farben
einstellt, hat Günther ein geradezu lustvolles Netz der Verwirrung installiert,
aus dem der Betrachter sich nur schwer lösen kann.
Mal arbeitet er mit architektonischer Schwere der Apokalypse in die Arme, um
sofort im "Waldspaß" (1993) einer verquer-beängstigenden Ironie zu huldigen. Seine
Standbilder, ob Porträts oder weit ausholende Inszenierungen wie "Das Ende
einer Zartlichkeit" (1994) und "Der letzte Held" (dto.), kratzen in ihrer
exzessiven Unerbittlichkeit an den konditionierten Sehgewohnheiten. Jedes
noch so unscheinbare Detail wird zur Zundschnur/Nabelschnur von/zu Günther
weg/hin, mächtig auftrumpfende Fratzen verbergen eine Disparatheit, die zum
Sog wird. Was Traum, was Wirklichkeit ist, wird zum ungelösten Leitfaden.
Eine Stringenz im Oeuvre Marcus Günthers, der statt auf die Harmonie in die
sog. Atonalität absteigt, um die Entwürfe von Abscheu und Versöhnung zu
sichten. Attackierend sind sie allemal....
Guido Fischer, 1995