Sandra Hoitz's
"Gegenüberstellung Rot/Blau"
unten

Das Objekt, über das ich etwas sagen mochte, trägt den Titel "Gegenüberstellung Rot/Blau". In seinem Fall will ich mich auf eine Äußerung der Künstlerin zur Bedeutung ihrer Werke stutzen. So hat sie festgestellt, daß sie zusehends realisiert habe, daß es sich bei ihren Objekten um gruppendynamische Momentaufnahmen handle. Der interessanten Frage, wie es kommt, daß sich das Verständnis ihrer eigenen Arbeit erst mit der Zeit und sozusagen zögerlich einstellt, gehe ich nicht nach. Sie ist ja eine kunsttheoretische oder kunstpsychologische Frage.

Handelt es sich hier also um gruppendynamische Momentaufnahmen, so ist klar, was die Gruppe ist, nämlich je eine Mehrzahl von Gläsern, die eine einzige Gruppe oder mehrere Gruppen bilden können. Das einzelne Individuum läßt sich ebenfalls genau bezeichnen. Es ist das einzelne Glas. Und das, was irgendeine Form von Prozeß oder Situation in der Gruppe darstellen kann, das sind offensichtlich die verschiedenen Farben und Verteilungen der Füllungen der Gläser.

Leider bin ich nun im Verständnis von gruppendynamischen Prozessen nicht sehr bewandert. Aber ich finde, daß bei dem Objekt "Gegenüberstellung Rot/Blau" eine auffällige Asymmetrie zur Geltung kommt - und dies, obwohl sich geometrisch ganz leicht sogar verschiedene Symmetrien finden lassen. So sind zum Beispiel die beiden Glastrillinge achsensymmetrisch zueinander aufgestellt, in der Folge der Füllhöhe ihres Inhalts jedoch punktsymmetrisch, so daß, wenn man von den zwei sich in der Mitte gegenüberstehenden Gläsern ausgeht, zwei sich überkreuzende Diagonalen gezogen werden können, jeweils zu einem äquivalenten Widerpart. Die entscheidende Asymmetrie entsteht aber dadurch, daß es von oben nach unten eine Verschiebung nach rechts unten gibt. (Der Grund dafür, daß ich das nicht umgekehrt ausdrücke, liegt möglicherweise in der Gewohnheit, die das Lesen von rechts nach links und nach unten bewirkt.) Diese Asymmetrie wird durch die unaufhebbare Ungleichheit der Farben der Füllungen bestätigt, was erstens anzeigt, daß keine Farbe ein 'Gewicht' hat, das mit dem einer anderen gleichgesetzt werden konnte, und zweitens, daß die hier empfundene Asymmetrie aus einer anderen als der rein geometrischen Betrachtung der Raumverhältnisse herstammt. Die seitliche Fixierung der Gläser, und somit die für ein Glas äußerst unübliche Stellung, betont die Festigkeit und die Geschlossenheit der Gläser in sich selbst - und damit die Geschlossenheit der Individuen in sich selbst. Versteift sind sie geradezu - überdeutlich zu sehen auch daran, daß das Kolorit nicht flüssig, sondern fest ist - wobei in Gläser, und zumal in solche, fast immer nur Flüssigkeiten gefüllt sind. Und obwohl die Gläser gegeneinander geöffnet sind, sind sie füreinander verhärtet, und ihr Inneres kann sich nicht mischen, weil nicht das eine in das andere fließen kann. Die Stärke des Rahmens und die Glätte des Glasmaterials sprechen ebenfalls eine solche Sprache.

Zieht man in Betracht, daß der Künstlerin grundsätzlich verschiedene Arten von Gläsern zur Verfügung gestanden haben können, Gläser, die nicht Weingläser sind, Gläser von ganz anderem Charakter, so bemerkt man, daß die Situation, in die sie gebracht sind, auch durch die Konnotationen dieses Glastyps mitbestimmt wird.

Es gibt hier eine formal starke, durch den Glastypus solenne, aber doch äußerliche Harmonie zweier Dreiergruppen, die sich mit einer Spannung kontrastiert findet, die sowohl durch die verlogene, weil versteifte Öffnung gegeneinander als auch durch die einsetzende Bewegung, welche die Asymmetrie nach rechts unten andeutet, erzeugt wird. Ware eine der beiden Seiten umgedreht, wurde sich ebenfalls eine Bewegung ergeben, nach unten oder nach oben jeweils, aber keine Asymmetrie oder Tendenz der Bewegung aus der Symmetrie heraus.

Als Gegenüberstellung zweier Gruppen erkennt man darin eine Schwache der rechten Seite, die, trotz der zur Schau gestellten Gleichheit, innerlich zurückzuweichen beginnt. Thomas Fritz

Thomas Fritz in:

"Fugen und Fügungen"
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 14. - 28.10.1999
im Haus am Dom, Mainz
Mit freundlicher Unterstütung der Adolf-Gerhard-Stiftung, Mainz
 

Homepage zurück artothek Künstler Impressum   oben
© 1998 - 2000   artic artic@artic.de