Das Objekt, über das ich etwas sagen mochte, trägt den
Titel "Gegenüberstellung Rot/Blau". In seinem Fall will ich
mich auf eine Äußerung der Künstlerin
zur Bedeutung ihrer Werke stutzen. So hat sie festgestellt, daß sie zusehends
realisiert habe, daß es sich bei ihren Objekten um gruppendynamische
Momentaufnahmen handle. Der interessanten Frage, wie es kommt, daß sich das Verständnis ihrer
eigenen Arbeit erst mit der Zeit und sozusagen zögerlich
einstellt, gehe ich nicht nach. Sie ist ja eine kunsttheoretische
oder kunstpsychologische Frage.
Handelt es sich hier also um gruppendynamische
Momentaufnahmen, so ist klar, was die Gruppe ist, nämlich
je eine Mehrzahl von Gläsern, die eine einzige Gruppe oder
mehrere Gruppen bilden können. Das einzelne Individuum
läßt sich ebenfalls genau bezeichnen. Es ist das einzelne
Glas. Und das, was irgendeine Form von Prozeß oder
Situation in der Gruppe darstellen kann, das sind offensichtlich
die verschiedenen Farben und Verteilungen der
Füllungen der Gläser.
Leider bin ich nun im Verständnis von gruppendynamischen
Prozessen nicht sehr bewandert. Aber ich finde, daß
bei dem Objekt "Gegenüberstellung Rot/Blau" eine auffällige
Asymmetrie zur Geltung kommt - und dies, obwohl sich
geometrisch ganz leicht sogar verschiedene Symmetrien
finden lassen. So sind zum Beispiel die beiden Glastrillinge
achsensymmetrisch zueinander aufgestellt, in der Folge der
Füllhöhe ihres Inhalts jedoch punktsymmetrisch, so daß,
wenn man von den zwei sich in der Mitte gegenüberstehenden
Gläsern ausgeht, zwei sich überkreuzende Diagonalen
gezogen werden können, jeweils zu einem äquivalenten
Widerpart. Die entscheidende Asymmetrie entsteht
aber dadurch, daß es von oben nach unten eine Verschiebung
nach rechts unten gibt. (Der Grund dafür, daß ich das
nicht umgekehrt ausdrücke, liegt möglicherweise in der
Gewohnheit, die das Lesen von rechts nach links und nach
unten bewirkt.) Diese Asymmetrie wird durch die unaufhebbare
Ungleichheit der Farben der Füllungen bestätigt,
was erstens anzeigt, daß keine Farbe ein 'Gewicht' hat, das
mit dem einer anderen gleichgesetzt werden konnte, und
zweitens, daß die hier empfundene Asymmetrie aus einer
anderen als der rein geometrischen Betrachtung der Raumverhältnisse
herstammt. Die seitliche Fixierung der Gläser,
und somit die für ein Glas äußerst unübliche Stellung,
betont die Festigkeit und die Geschlossenheit der Gläser in
sich selbst - und damit die Geschlossenheit der Individuen
in sich selbst. Versteift sind sie geradezu - überdeutlich zu
sehen auch daran, daß das Kolorit nicht flüssig, sondern
fest ist - wobei in Gläser, und zumal in solche, fast immer
nur Flüssigkeiten gefüllt sind. Und obwohl die Gläser
gegeneinander geöffnet sind, sind sie füreinander verhärtet,
und ihr Inneres kann sich nicht mischen, weil nicht
das eine in das andere fließen kann. Die Stärke des
Rahmens und die Glätte des Glasmaterials sprechen ebenfalls
eine solche Sprache.
Zieht man in Betracht, daß der Künstlerin grundsätzlich
verschiedene Arten von Gläsern zur Verfügung gestanden
haben können, Gläser, die nicht Weingläser sind, Gläser
von ganz anderem Charakter, so bemerkt man, daß die
Situation, in die sie gebracht sind, auch durch die
Konnotationen dieses Glastyps mitbestimmt wird.
Es gibt hier eine formal starke, durch den Glastypus
solenne, aber doch äußerliche Harmonie zweier
Dreiergruppen, die sich mit einer Spannung kontrastiert
findet, die sowohl durch die verlogene, weil versteifte Öffnung
gegeneinander als auch durch die einsetzende Bewegung,
welche die Asymmetrie nach rechts unten andeutet,
erzeugt wird. Ware eine der beiden Seiten umgedreht,
wurde sich ebenfalls eine Bewegung ergeben, nach unten
oder nach oben jeweils, aber keine Asymmetrie oder Tendenz
der Bewegung aus der Symmetrie heraus.
Als Gegenüberstellung zweier Gruppen erkennt man darin
eine Schwache der rechten Seite, die, trotz der zur Schau
gestellten Gleichheit, innerlich zurückzuweichen beginnt.
Thomas Fritz
Thomas Fritz in:
"Fugen und Fügungen"
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 14. - 28.10.1999
im Haus am Dom, Mainz
Mit freundlicher Unterstütung der Adolf-Gerhard-Stiftung, Mainz