Neuerdings nutzen auch Künstler die Finanzierungsalternative fur ihre Objekte
Ernst ist das Leben, heiter die Kunst: Noch immer scheint Kunst dem Alltag der meisten Menschen entfremdet,
finden Bilder und Skulpturen kaum Zugang zum täglichen Leben. Und auch nicht zum alltäglichen Leasing:
Selbstverstandlich leasen wir heute allerlei ernste Dinge wie Autos, Maschinen, Güterwaggons,
Büroeinrichtungen, Flugzeuge, Computer-Anlagen, Stereo- und Videogeräte . . . - aber Kunst?
"Natürlich!" sagt Frank Czaplinski. "Gerade Kunstwerke eignen sich hervorragend zum verleasen",
sagt der 39jahrige Künstler aus Düsseldorf. "Denn viele Unternehmen interessieren sich sehr für
Kunst - was ihnen aber fehlt, ist ein attraktives Angebot." Meistens müssen Firmen Gemälde oder Plastiken direkt
ankaufen - um jedoch Geschaftsräume, Showrooms oder Foyers nur vorübergehend auszustatten oder um Kunst für
bestimmte Anlässe einzusetzen, komme das einfach zu teuer. Deshalb gründete Frank Czaplinski im vergangenen Jahr
die Firma artic: Sie bietet komplette Dienstleistungen rund um die Kunst. "Viele Unternehmen haben Lust, etwas
zu machen, können ihre Ideen aber oft nicht ausreifen lassen und die Frage klären: Welche Kunstwerke passen zu uns,
wie sollen wir sie präsentieren?" sagt Czaplinski. "Hier hilft Artic: Wir entwickeln ein dem Unternehmen
angemessenes künstlerisches Ambiente."
Czaplinski sucht neue, zeitgemäße Vermittlungsformen von Kunst: mittels Direktmarketing. Er vertreibt Kunstwerke
via Internet und Art-Leasing. Art-Leasing eignet sich vor allem für junge Künstler: Wer noch nicht etabliert ist,
hat am aktuellen Kunstmarkt geringe Chancen, zu reüssieren - Leasing eröffnet jungen Malern und Bildhauern die
Möglichkeit, ihre Arbeiten im öffentlichen Raum zu präsentieren. Dadurch lassen sich auch Berührungsängste
abbauen; als Beispiel nennt Czaplinski seine Art-Aktion in einem
Düsseldorfer Autohaus:
"Wir stellten eine Beziehung her zwischen der Firma und der Kunst. Gerade junge Künstler sind da besonders
engagiert: sie gingen speziell auf den Event ein, schufen dafür sogar neue Werke. Als
Highlight boten wir noch eine Performance in der Auto-Werkstatt", schwarmt Czaplinski. "Sowas spricht
auch Leute an, die da arbeiten, Verkäufer und Autoschlosser, und vor allem die
Kunden - da entstanden ganz neue Kontakte."
Artic vertritt schon jetzt 14 Künstler und Künstlerinnen, ihre virtuelle Galerie im Internet umfaßt
bereits 1000 einzelne Seiten: "Das Internet bietet gegenüber herkommlichen Katalogen immense
Vorteile: es ist preiswert, ständig aktuell, hat eine unbegrenzte Auflage und
weltweite Verbreitung. Wir haben inzwischen Interessenten in Amerika und sogar in Nordkorea."
Kunst-Leasing ist für den Leasingnehmer steuerlich dann sinnvoll, wenn er
das Wirtschaftsgut gewerblich nutzt und dies gegenüber dem Finanzamt geltend
machen kann. Denn der Alltag setzt auch ein Kunstwerk dem Verschleiß aus - man
kann davon ausgehen, daß zumindest die Werke junger Künstler nach einer gewissen
Zeit im Unternehmen oder einem öffentlichen Raum "abgenutzt" sind.
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Und was sagen die Künstler zum Leasing? "Die meisten finden das toll", versichert der 28jahrige Kaufmann.
"Viele Künstler stehen heutzutage vor dem Problem, ihre Arbeiten zu einem vernünftigen
Preis zu verkaufen. Da sagen sie sich: Ehe meine Bilder jahrelang im Atelier verstauben,
kann ich sie lieber verleasen. Dann werden wenigstens einige Leute darauf aufmerksam, und die Chancen,
es doch noch zu verkaufen, steigen."
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Sie vermarkten moderne Kunst im weitesten Sinne, auch Fresken und Skulpturen,
wenn sie nicht zu groß sind. Martin S. Burkhardt gibt sich optimistisch, daß
das Leasing-Geschaft gut laufen wird. Bei Artic ist das schon der Fall: Seit Januar,
also ein halbes Jahr nach der Gründung, schreibt die Firma bereits schwarze Zahlen.
Andreas Geschuhn
Beilage der Süddeutschen Zeitung Nr. 78 Dienstag; 6. April 1999