Formen der Wirklichkeit
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Zum Werk von Heinz Possert

Seit einigen Jahren, seit Abschluß seines Studiums an der Düsseldorfer Kunstakademie, realisiert Heinz Possert plastische Arbeiten, die sich ganz auf das Innewerden ihrer formalen, im Raum komplexen Präsenz konzentrieren. Mit dieser Intensität und einem sorgsamen, einerseits konstruktiv entwickelten, andererseits geschlossen formulierten Ausloten der Gesamterscheinung liefert Possert einen überaus aktuellen Beitrag zur Diskussion über die Paradigmen plastischer Formfindung.

Tatsächlich aber tritt die kategoriale Begriffsfassung für Possert in den Hintergrund. Natürlich verbindet seine Arbeit nichts mit dem abbildhaft-mimetischen Kanon; und Possert hat sich schon frühzeitig davon gelößt , grundlegende skulpturale Kategorien - Materialität, Ponderation, virtuelle Raumerfahrung - explizit zu thematisieren. Kaum läßt sich bei seiner Kunst von Bildhauerarbeiten im gängigen Sinne reden; seine Werke oszillieren zwischen Plastik und Objekt, ohne sich eindeutig zuordnen zu lassen.

Rigide ist hingegen die Beschränkung auf Wandstücke und Bodenarbeiten. Posserts Entschluß, eine plane (horizontal oder vertikal definierte) Ebene einzubeziehen, nimmt auf die Dimensionen der Arbeiten jedoch keinen Einfluß. Generell wird der Betrachter über das übliche Quantum hinaus als Akteur einbezogen - zumal dann, wenn diese Arbeiten zu umqueren sind und den Blick auf ihre Oberseite ermöglichen. Posserts Werke treten nicht als Fremdkörper innerhalb des umgebenden Raumes auf, trotzdem (und dies ist ein wichtiges Anliegen von Possert) bewahren sie ihre Mobilität, lassen sich genauso in anderen räumlichen Situationen präsentieren. Generell basieren diese Arbeiten auf einer reduzierten, eher geometrisch als anthropomorph orientierten Formensprache, trotzdem besitzen sie, über architekturale Motive hinaus, eine eigene plastische Authentizitat. Die Dimensionen sind häufig auf den Menschen bezogen. Possert verwendet Materialien dieses Zeitalters, bevorzugt Stahl, Alumini um und Kunststoffe, auch Holz, Gummi, Plexiglas. Intensiviert durch teils starkfarbene Lackierungen vermitteln einige Arbeiten den Eindruck von Preziosen: Sie scheinen kostbar, für den Betrachter erobert.

Als wichtiger formaler Ansatz, welcher aber sogleich gehaltlichen Charakter trägt, findet sich die Minimierung des Formenrepertoires. Zu verstehen ist dies als eine Konzentration und Präzisierung der bildnerischen Mittel, welche die Reihung und Variation einzelner Formen nicht ausschließt. Und doch führt die räumliche Ausformung der Geometrie nur bedingt zur Stereometrie. Hier unterscheidet sich Possert etwa von Tony Smith, von den seriell genormten Setzungen eines Don Judd ganz zu schweigen. Gerade das Korrektiv des rechten Winkels fordert die Variabilitat der Erscheinung.

Possert bevorzugt klare Flächen. Einzelne Felder sind konkav oder konvex gewolbt, wobei die Rundungen stets sanft verlaufen und den Eindruck einer gespannten Haut vermitteln können. Vorder- und Rückseite differieren voneinander, oft ist eine "eigentliche" Ansichtsseite nicht festgelegt. Eine Arbeit wie der Galaktische Reigen (1991) setzt sich aus dem Nacheinander separater Module zusammen; die ausgesparten Felder dazwischen werden als Räume empfunden, erhalten plastischen Charakter innerhalb der materialen Konstellation. Indem Possert die einzelnen Teile aber verschieden gestaltet, unterscheidet er sich weiter von den amerikanischen Minimalisten.

Im Bereich der einteiligen Wandarbeiten wäre hier das Wandmodul von 1990 zu erwähnen. In seinen Dimensionen eher moderat, entwickelt es nach und nach, bei einfacher, lediglich von Waag- und Senkrechten determinierter Anlage, eine große Komplexität. Konstituierend ist das Moment der Symmetrie. Beide Seiten schließen mit einer analog breiten Parzellierung ab, wohingegen der Mittelteil ungegliedert bleibt. Als ein geschlossener, vielleicht aufklappbarer Kasten, tritt die Arbeit dem Betrachter in dezidierter Ruhe gegenüber. Entweder durch dringen die Aluminiumstäbe die Oberfläche, oder sie sind in diese, als Segmente, eingesetzt: Posserts Arbeiten halten derartige Situationen bewußt in der Schwebe, spielen mit den Möglichkeiten der Suggestion. Eine ebene Fläche schließt - ebenso wie bei den Raumplastiken Korpus (1991) oder Sphärische Säule (1992) - die Oberseite ab. Die Arbeiten artikulieren, einem Container gleich, Volumen, welches in sie eingefaßt ist, tatsächlich aber verborgen bleibt.

Zugleich verfügen solche Werke über ein lyrisches Moment. Dieses leitet sich aus der Klarheit der Flächen, der homogenen Lackierung, der Statuarität in der Demarkation von Wand, Boden und Decke sowie der Sachlichkeit der Erscheinung her. Vereinzelt evozieren die Plastiken ein augenblickhaftes Einfrieren von Bewegung, und sie konservieren Zeit. Dann wieder scheinen Posserts Arbeiten beredt und in Detailfreude zu schwelgen. Die Rote Sammlung (1993) entwickelt sich, vielleicht mehr als sonst eine Arbeit Posserts, aus der Spannung von Formfindung und Erzählstruktur. Archaisches, vermeintlich Vorgefundenes und ein ausgewogenes Arrangement unterschiedlicher Setzungen sind miteinander verwoben. Evident bleibt die Analyse, ein systematisches, dabei sensitives Abtasten der Oberflächen, Falten und Kanten, welches Sorgsamkeit ebenso wie Sorgfältigkeit beinhaltet. Posserts syntaktische Maßnahmen, die Eingriffe in die Symmetrie, die Relativierung der Balance, Konterkarierung visueller Erwartungen bewahren einen selbstverständlichen Charakter.

Vermittels homogener Lackschichten schließt sich der plastische Körper weiter zusammen. Im harten Aufeinanderprallen zweier Materialien bewahrt Possert aber die Lokal- farbigkeiten. Der matt spiegelnde Glanz des gewalzten Stahls findet sich in etlichen Arbeiten, und die Oberfläche einer anderen Partie derselben Arbeit kann durchaus amöbenhaft-vegetativ gemasert sein. Die formale Komplexitat des Doppelschild (1993) hingegen wird im Farbkontrast, dem strengen Rechteck der Farbfelder und den unregelmaßigen vertikalen Einschnitten der gewölbten Oberfläche noch gesteigert.

Nicht ohne eine gewisse Leichtigkeit, geradezu lapidar, konterkariert Possert die "Eindeutigkeit" der Komposition. Ohnehin spielt das Abwägen formaler Moglichkeiten als künstlerischer Impuls eine eminente Rolle. Keineswegs zufällig sind die Analogien zur Mineralogie, zum kristallinen Wachstum, das, unter dem Mikroskop betrachtet, Asymmetrien und Verschiebungen aufweist. Posserts Interesse an der Mineralogie kommt übrigens auch in einzelnen Titeln - Plexiferrit oder Turmalin II - zum Ausdruck. Kanten und Kreissegmente stoßen aufeinander, Krümmungen und Schrägen erweisen sich als probate Mittel der Strukturierung und Variation. Oft wirken die Arbeiten massiv und dicht, und sie kaschieren, daß sie aus dünnen Blechen oder Hölzern zusammengesetzt sind. Verschiedentlich lassen einzelne Öffnungen in das Innere blicken, ohne daß sich dessen Geheimnis endgültig erschließt.

Joachim Mannebach hat, in einer Rede von 1992, die Bedeutung der vorgegebenen Ebene für die jeweilige Arbeit betont. Die Werke schmiegen sich an die Wand oder sie pressen sich auf den Boden. Ihr potentielles Gewicht erschließt sich für den Betrachter nie zur Gänze; die Wandarbeiten konnten durchaus bleischwer sein, die Bodenstücke geradezu schwerelos über der Erde schweben.

Seit 1994 entstehen Arbeiten, die, als eigene Werkgruppe, den Diskurs mit dem Betrachter intensivieren. Wahrnehmung stellt eine Form der Kommunikation dar. In Testbild Monitor, Testbild Euro und den Bildabfolgen geht die geometrische Strukturierung über die Kanten und Felder hinaus; die Oberfläche selbst wird zum klar gegliederten Raster, das partiell transparent ist.

Bemerkenswert ist, daß sich Heinz Possert hierbei auf Wandarbeiten und zweidimensionale, plan befestigte Blätter beschrankt. Der Dialog mit der Arbeit spielt sich auf Augenhöhe ab; der Topos der Telekommunikation klingt an. Deren synasthetisches Geschehen wird reflektiert und zum Ausdruck gebracht. In den Bildabfolgen werden einzelne, teils piktogrammartige Zeichen zweireihig neben- und untereinander plaziert, als verschlüsselte Verdichtung von Information in quasi narrativer Abfolge. Auf der Grundlage des hell-dunkel-Kontrastes der Scherenschnitte und der Suggestion von Nahe und Ferne, gibt Possert die Rasterordnungen seiner Testbilder sowie die Grundformen seiner Raumkörper in Variationen wieder - damit werden die Bildabfolgen gleichzeitig zu einem Katalog von Posserts plastischen Arbeiten. Die vermeintliche Stereotype der zweidimensionalen Erscheinung impliziert also die räumliche Charakteristik. Schon die vorfabrizierten Gestaltungen der Testbilder werden in den künstlerischen Rang überführt. Auf einer tieferen Ebene geht es um die Sichtbarmachung von Strukturen, Formen, auch Materialien.

Die Kontinentalverschiebung (1995) stellt einen weiteren Schritt bei diesen Untersuchungen dar. Die Wandarbeit zieht sich auf die Fläche zurück, gibt die dritte Dimension jedoch keineswegs auf. Das Gegen- und Miteinander der einzelnen Partien, die, ineinander verzahnt, in ihrer Tonung, Oberfläche, Materialitat und Kontur kontrastieren, wird im virtuellen Schließen des Kreises gebändigt. Halten und Fallen, Auseinanderbrechen, Kippen und Schließen sind ausdrücklich genannt; niemals aber erschöpfen sich Posserts Werke in gegenstandsfreien Schilderungen. Sie beschäftigen sich auch weiterhin mit Gestaltungen, die den Erscheinungen der Welt entrissen sind und diese ausschnitthaft umkreisen.

Thomas Hirsch, Kunsthistoriker

Düsseldorf, Oktober 1995

Aus dem Katalog; "Heinz Possert" Skulpturen, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Forum Rotunde (25.11.95 bis 7.1.96), Herbert-Weisenburger-Stiftung Rastatt.  

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