Die "artic" Internet-galerie
Eine Ideenschmiede im
Düsseldorfer Randolff - Atelierhaus
unten

Am Sonntagmorgen trifft man sich in den Geschaftsräumen von "artic" bei grünem Tee zu einem lockeren Gedankenaustausch. Diese "Teezeremonie" bietet spartenübergreifende Kontaktmöglichkeiten zwischen bildenden und darstellenden Künstlern, Musikern und Literaten.

Auch am späten Montagnachmittag herrscht reges Treiben bei "artic". Im Büro telefoniert die Aktionskünstlerin Sandra Hoitz eine lange Reihe von Telefonnummern durch. Gerade ist ein metallener Fischschwarm des Künstlers Joachim Stallecker für die Darstellung im Internet abgefilmt worden. Verschiedene Künstler haben anhand von detaillierten Manuskripten ihre geplanten Projekte für großangelegte Kunstaktionen zur Sonnenfinsternis am 11. August 1999 präsentiert, die in verschiedenen Städten stattfanden, darunter Saarbrücken und Stuttgart. Ronald Schröder, der Vorsitzende des Vereins "Form-Materie-Sinn" stellt sein für den Sommer 2000 für die Stadt Andernach geplantes Projekt vor. Eine Kulturkugel aus Pappe mit einem Durchmesser von 10 m soll mitten auf dem Andernacher Marktplatz plaziert werden. Dieses architektonische Objekt, das er zusammen mit Czaplinski anläßlich der "Homo ludens" - Kunstausstellung des Andernacher Kunstvereins im Mai dieses Jahres entwickelt hat, soll als Veranstaltungshalle dienen und ist dank seines Aufbaus aus verschiedenen Einzelsegmenten transportabel und vielerorts einsetzbar. Schröder hofft, daß der Vertriebsmanager Alexander Eberhardt Investoren für die Verwirklichung des Projektes finden wird. Überall liegen Manuskripte und Fotos, auf dem Schreibtisch findet sich eine Ansammlung von Karteikarten. Verschiedenste Künstler kommen über ihre Ideen ins Gespräch, Kooperationen werden verabredet. Was also ist "artic"?

"Wir beraten Sie gerne, wenn Sie Ihren Besitz an Kunstwerken zu einer Sammlung ausbauen mochten. Gegen Honorar konzipieren wir Ihnen ein persönliches Corporate Design für Ihr Unternehmen und führen Ausstellungen fur Sie durch." so inseriert die Firma "artic" (art international consulting) von Frank Czaplinski ihre Serviceleistungen fur Unternehmen im Internet.

"artic" ist art consulting Firma, Internet-Galerie und Artothek in einem und versteht sich vor allem als Direktmarketing - Betrieb für junge Kunst. In erster Linie aber scheint "artic" eine Ideenschmiede zu sein.

Frank Czaplinski selber ist zunächst einmal Maler, der von seinem Lehrer Gotthard Graupner die raumgreifende Darstellung malerischer Themen als Zielsetzung übernommen hat, allerdings mit völlig anderen Mitteln. Darüber hinaus möchte er einerseits Geschäftsleute sowie Institutionen beraten und als Sammler, Präsentatoren und Förderer junger Kunst gewinnen. Auf der anderen Seite möchte er jungeren Kunstlerkollegen Hilfestellung bei der Vermarktung ihrer Arbeiten bieten.

Die professionelle Beratertätigkeit hat sich ergeben, nachdem Unternehmer Czaplinski anläßlich von Ausstellungen seiner Gemälde wiederholt um die Erstellung von Konzeptionen für ihre Firma gebeten haben. Am 20. Juni 1998 wurde die Firma "artic" gegründet und befand sich zunächst in der Talstraße in Düsseldorf. Dann lernte Frank Czaplinski Roswitha Bremer (Geschaftsführerin der Firma Randolff-Rahmen) kennen, und sie begeisterte ihn für ihr Atelierhausprojekt in der Düsseldorfer Mintropstraße (siehe "Junge Kunst" Nr. 39). Im März dieses Jahres siedelte die Firma in das Randolff-Atelierhaus um.

"artic" beschäftigt acht Mitarbeiter, darunter einen art promoter, einen Programmierer, Designer und Kunsthistoriker. Der "artic"-Service für Firmen umfasst die Beratung bezüglich des Erscheinungsbildes, den Verkauf oder das Leasing von Kunstwerken - inklusive Rahmung durch die Firma Randolff - sowie die Ausrichtung von Ausstellungen. Sogar Exkursionen stehen im Programm. Begleitend zu den Ausstellungen werden Events angeboten, was besonders für Performance-Kunstler gute Darstellungsmoglichkeiten mit sich bringt. Das Kunst-Leasing ermöglicht, ohne finanzielle Risiken Arbeiten von jungen Künstlern für Veranstaltungen oder auch sonst über einen bestimmten Zeitraum auszuleihen. Dies ist zu dem steuerlich absetzbar. Pro Jahr werden drei bis vier Ausstellungen in Zusammenarbeit mit Firmen oder Institutionen konzipiert, darunter auch Benefizveranstaltungen wie für UNICEF, die Aidshilfe oder Charlotte Feindts "Herz zu Herz Gala" zugunsten einer Muscoviszidose-Klinik in Köln.

Die Fotos, mit denen dieses Event im Internet dokumentiert wurde, werfen allerdings die Frage auf, ob es sich tatsächlich um eine Kunstaktion gehandelt hat oder um eine reine Unterhaltungsveranstaltung. Dies führt zu einer weiteren Frage: kann man Kunstvermarktung mit den gleichen Mitteln betreiben, wie den Verkauf von Autos? Ist das modern? Erfolgreich scheint die Kunstvermittlung mit trendgemaßem Rahmenprogramm jedenfalls zu sein. Für die "artic"-Künstler steht fest, daß Eröffnungen von Ausstellungen in erster Linie Spaß machen sollen, es soll richtig gefeiert werden. Statt der üblichen Vernissagen werden sogenannte "Erlebnisausstellungen" veranstaltet, weil man bei der Eröffnung sowieso keine Chance habe, die Exponate in Ruhe zu betrachten, wie es heißt. "In Ruhe kann man sich die Kunstwerke später im Internet anschauen" meint Czaplinski. Gemäß der Devise "Einen Künstler, der (in fünf Jahren) nicht in irgendeiner Art und Weise auf der Homepage vertreten sein wird oder abrufbar ist, wird es als Künstler de facto gar nicht mehr geben...", entschloß Czaplinski sich, eine Art virtueller Galerie für junge Kunstlerkollegen einzurichten.

Czaplinski und seine Mitarbeiter beobachten den Werdegang junger Künstler während der Akademieausbildung und besuchen zahlreiche Ateliers, um immer wieder geeignete Künstler für ihr Projekt zu entdecken und möglichst vielen vielversprechenden Nachwuchstalenten die Möglichkeit der Präsentation im Internet bieten zu können. Jeden Monat wird ein neuer Künstler eingeführt. Zur Zeit vertritt Czaplinski mehr als 15 Künstler, die jeweils durch einen kurzen Text, eine kurze Biographie und ein Ausstellungsverzeichnis vorgestellt werden. Es folgen Abbildungen der käuflichen oder ausleihbaren Kunstwerke mit Angaben zu Größe, Entstehungsjahr, Titel, Materialbeschaffenheit und Preis. Diese Fotos kann sich jeder Internet - Galeriebesucher zu Hause aus- drucken. So spart man sich die Erstellung von Katalogen und die damit verbundenen Kosten und erhält eine gute Bildqualität. Die Aufmachung der einzelnen Seiten im Internet ist betont einfach gehalten. Um nicht von der Betrachtung der einzelnen Exponate abzulenken, werden "Designorgasmen" vermieden. Ebenfalls überflüssig werden Schauräume und Lagerhaltung. Das heißt, die Arbeiten befinden sich in den Ateliers der Künstler und können praktisch schon im Netz angeboten werden, noch während sie trocknen. Seinen Umsatz macht "artic" inzwischen zu 20 Prozent über das Internet. Mittlerweile umfaßt die Netz-Darstellung über 1000 Seiten und wurde bisher von Interessenten aus über 36 Ländern frequentiert. Im März 1999 ist die Anzahl der Besucher auf den Internetseiten von 7000 auf 22000 emporgeschnellt. Besonders stark frequentiert wurde mit 600 Besuchern die Seite der Aktionskünstlerin Sandra Hoitz, deren Spezialitat Body-Painting ist. Suchmaschinen wie Yahoo haben diese Darbietungen in ihren Index aufgenommen und es wurde angeregt, sich an Chatrooms zum Thema "Bodypainting" zu beteiligen.

Bis zum Jahr 2000 plant Frank Czaplinski die technischen Möglichkeiten seiner virtuellen Galerie zu erweitern. Geplant ist die dreidimensionale Darstellung einer Galerie, durch deren Räumlichkeiten der Besucher flanieren und dabei wechselnde Ausstellungen betrachten kann. Außerdem soll es mit Hilfe einer Webcam ermöglicht werden, die Künstler direkt zu kontaktieren und zu den Offnungszeiten der Galerie direkt mit jemandem zu kommunzieren statt wie bisher e-mails schicken zu müssen. Schon jetzt ist während der Vernissage der ausstellende Künstler zu einem Chat bereit, und die Eröffungsveranstaltungen werden live ins Internet übertragen.

Seine innovative Art der Kunstvermarktung versucht Czaplinski auch in Vorträgen wie im April dieses Jahres im Kunstkreis "Das Netz" e.V. in Düsseldorf einem breiteren Publikum zu vermitteln. Vor allem die junge Künstlergeneration zeigt sich sehr aufgeschlossen. Für sie bietet das Kunstleasing einen guten Weg, auf dem schwer zugänglichen Kunstmarkt Fuß zu fassen.

Die Betrachtung von Kunstwerken ausschließlich im Internet und die Bestellung quasi aus dem Versandhauskatalog ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Aber es bleibt jedem unbenommen,
die Originale vor Ort zu betrachten.

Stefanie Bednarzyk
JUNGE KUNST, Nr. 40 9

 
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