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Frank Czaplinski

Kunst immer wieder neu erleben

Natur im Kreislauf

1985 und in den folgenden Jahren nahm Frank Czaplinski häufig Äste und Blätter aus dem Wald mit ins Atelier, um sie dort, einem Stilleben gleich, zu arrangieren und zu malen. Auf diese Weise ist auch die Arbeit 'Ast' (1985) entstanden.

Der Künstler hat einen Ast aus seiner natürlichen Umgebung, dem Wald, herausgenommen und ihn als künstlerisches Werk auf der Leinwand festgehalten. Im Mittelpunkt des Bildes steht der knorrige Ast, der sich durch die malerische Gestaltung in Temperafarben, vor dem in Ölfarben gemalten Hintergrund deutlich hervorhebt. Aufgrund des starken Kontrastes zwischen den matten Pastellfarben und den glänzenden Ölfarben, erscheint das Bild in einem surrealistischen Licht. Betont wird dieser Eindruck dadurch, daß der Künstler den Ast nicht in eine adäquate Umgebung bringt, sondern ihn vor einem grünen, flächig wirkenden, Hintergrund schweben läßt, auf dem keine Räumlichkeit erkennbar ist.

Bedeutsam ist, daß der Künstler den Ast als totes Stück Holz, ohne Blätter, abbildet. Den Künstler interessiert in seiner Darstellung nur der knorrige Ast, der, nachdem er aus seiner natürlichen Umgebung herausgenommen wurde, nun langsam vermodert und zerfällt. Frank Czaplinski möchte hier vor allem die Veränderlichkeit der Natur im Kreislauf des Lebens darstellen. In diesem Zusammenhang entstanden im gleichen Jahr das Ölgemälde 'Ikarus' sowie die Radierungen 'Blatt' und 'Ast im Moor'.

Farbakzente des Herbstlichtes

Im Jahr 1986 fertigt Frank Czaplinski eine Serie von Bildern, die sich mit der Natur im Licht der unterschiedlichen Jahreszeiten auseinandersetzen. In dieser Zeit malt der Künstler entweder direkt in der freien Natur oder er setzt seine Beobachtungen später im Atelier um. In den Ölgemälden 'Laub' (1986) und 'Am Tümpel' (1986) findet der Betrachter die verschiedenen Farbakzente des Herbstlichtes wieder. In 'Laub' hat der Künstler das farbenreiche Spiel der Blätter im Wind als 'Stilleben' auf der Leinwand festgehalten. Die Arbeit 'Am Tümpel' führt den Blick des Betrachters auf die Wasseroberfläche, die mit einem dichten Teppich gefallener Blätter bedeckt ist. Das langsam verfaulende Herbstlaub scheint mit dem Tümpel eine Symbiose einzugehen.

Intention des Künstlers ist nicht, die Blätter des Waldes gemäß der Natur zu malen, sondern parallel der Natur, anhand der Farbakzente, eine bestimmte Stimmung wiederzugeben. "So als wenn der Wind die Blätter 'sammelt', habe ich den Pinsel gesetzt. Mein Wunsch war es die einzelnen Farbtöne so in einen Klang zueinander zu bringen, daß, ähnlich wie die Obertonreihe in der Musik, eine 'Tonigkeit' zu schwingen beginnt, welche der Atmosphäre des Waldes entspricht."

Der Künstler als Schöpfer

In dem 1987 geschaffenen Zyklus 'Erdstrukturen' setzt sich Frank Czaplinski mit den Strukturen und Schichten der Erde auseinander. In dieser Zeit überwiegen dunkle, erdige Farbtöne. Die ungegenständlichen, häufig großformatigen, Ölbilder wecken Erinnerungen an die Künstler des Informel, wie beispielsweise an Emil Schumacher. Der Begriff Informel soll - ähnlich wie das amerikanische Wort Action Painting - das Bekenntnis zur Formlosigkeit und den spontanen expressiven künstlerischen Schöpfungsprozeß deutlich machen. Um die reine Idee des Schaffens umsetzen und die Leinwand direkt bearbeiten zu können, hat Frank Czaplinski die Farbe mit den Händen aufgetragen. Dahinter steht die Idee des Künstlers als Schöpfer.

Der Gemäldezyklus 'Erdstrukturen' verweist auf die Ursprungselemente des Lebens. Die fruchtbare Erde ist Sinnbild für den Kreislauf des Lebens, von Geburt und Tod. "Als ich mich 1986 in der Toskana aufhielt, war ich außergewöhnlich stark von den dort vorkommenden Tönen der Erdfarben beeindruckt. Besonders die Gegend um Siena besitzt aus diesem Grund eine ganz eigentümliche Stimmung. (...) Die Beschäftigung mit dem Thema Erde führte mich auch zur Reflexion. Die Kennzeichnung der Erdstrukturen verweist darauf, daß alles aus der Erde entsteht und in diese, in Form von Asche und Kohle, zurückkehrt."

Im Kontext betrachten

Parallel zur Malerei erstellt Frank Czaplinski seit 1985 grafische Arbeiten mit dem Verfahren der Radierung. Bei der Radierung wird eine säurefeste Masse auf die Druckplatte gestrichen, auf die man mit der Radiernadel so zeichnet, daß die Platte freigelegt wird. Beim Übergießen mit einer Säure dringt diese in die freien Stellen und ätzt die Zeichnung in die Druckplatte ein. Zeichnet man mit der Nadel direkt auf die Platte und verzichtet auf den Ätzvorgang, so spricht man von einer Kaltnadelradierung. Das Aquatintaverfahren ist eine Variante der Radierung.

Kennzeichnend für die Radierung 'Birke' (1988) ist ein starker Hell-Dunkelkontrast. Die Mitte der Grafik nimmt die Darstellung eines Birkenstammes ein, der bis in den rechten oberen Bildrand reicht. Dabei hat der Künstler die signifikanten Maserungen einer Birke detailgetreu nachempfunden. Die Strukturen des Baumstammes heben sich klar und deutlich vor dem Hintergrund ab. Der linke Bildrand besteht überwiegend aus einer schwarzgrauen Fläche und ist als Andeutung eines Felsens zu verstehen. Im Gegensatz dazu wirkt der rechte Bildteil sehr bewegt. Der starke Kontrast zwischen hellen und dunklen Strukturen vermittelt dem Betrachter den Eindruck eines sich bewegenden Astes im Wind. Die Maserungen des Birkenstammes werden hier als grobe Muster wieder aufgenommen.

Zeitgleich zur 'Birke' entstehen die Radierungen 'Unterholz 2' und 'Unterholz 3', die im selben Kontext betrachtet werden können.

Mittelpunkt im kosmischen Kreislauf

1989 und in den folgenden Jahren thematisiert Frank Czaplinski in seinen Ölgemälden, formal sowie inhaltlich, Eier und Nester. Das 'Erdnest' (1991) wird von einem eiförmigen Oval beherrscht, das aus einer dynamischen Drehung um die eigene Achse immer wieder auf ein Neues entsteht. Das Innere dieses bewegten Eis, das gleichzeitig der Bildmittelpunkt ist, strahlt, wie flüssige Lava, in leuchtenden Farbtönen nach außen. Den Künstler interessiert auch hier der Ursprungszustand unserer Welt. Das Ei erscheint als Mittelpunkt des kosmischen Kreislaufes und symbolisiert Leben und Tod, da aus ihm alles entspringt und wieder dorthin zurückkehrt. Somit steht das 'Erdnest' in engem Zusammenhang mit dem Zyklus 'Erdstrukturen'. Dieselbe Thematik greift der Künstler 1992 in dem Gemälde 'Wirbel' noch einmal auf. Auch die Arbeiten 'Watt a' (1991) und 'Scholle' (1991) zeigen eine ähnliche Formensprache wie das 'Erdnest', sind aber thematisch dem Wasser und nicht der Erde zuzuordnen. Verfolgt man die weitere künstlerische Entwicklung in Frank Czaplinskis Werk kann man in der elliptischen Form des 'Erdnestes' Anklänge an die späteren Fresko-Arbeiten erkennen.

Etwas Unwiederbringliches

"Einige Male habe ich eine bestimmte Wasserstelle zur Entspannung aufgesucht. Ein Ort an dem ich, während ich ins Strudeln schaute, meinen Gedanken nachgehen konnte. Eines Tages wurde eine Straßenüberführung angelegt, so daß ein grauer Betonpfeiler genau an 'meine Stelle' gerammt wurde. Der gesamte Ort der Ruhe wurde verwüstet. Da ich mit der Arbeit an dem Bild 'Quelle' schon begonnen hatte, habe ich den Gegensatz zwischen einem Quell der Ruhe und Entspannung, sowie die Brachialgewalt von Beton, im Bild darzustellen versucht. Ich habe deshalb zwei graue Balken nach der waagerechten und der senkrechten Bildkante ausgerichtet, um Bildteile zu überdecken, die zeigen, daß etwas Unwiederbringliches verdeckt und verdrängt ist".

In der Mitte des Bildes lodert ein Feuer auf

Das Ölgemälde 'Kult' (1991) zeigt etwas Neues im malerischen Werk Frank Czaplinskis. Er ersetzt den herkömmlichen viereckigen Keilrahmen der Leinwand durch Äste aus Kirschbaumholz. Durch die Überwindung dieser Begrenztheit erhält er neue Möglichkeiten der Bildgestaltung. Die sich durch die ebene Fläche der Leinwand drückenden Äste verleihen dem Bild objekthafte Züge. Um diesen Eindruck noch zu unterstreichen umgibt Czaplinski das Bildmotiv, die vereinfachte Darstellung eines Opfergewandes, mit einem gemalten Rahmen, der an einigen Stellen von den grauen Farbtönen des Hintergrundes durchbrochen wird. Das Opfergewand, das dieselben grauen Farbtöne aufweist, scheint aus einer schwarzen Fläche heraus zu schweben. Ähnlich einem Opferritual, bei dem eine Feuerstelle nicht fehlt, lodert in der Mitte des Bildes ein Feuer auf.

Der Künstler nimmt seine Kindheit im Steinkohlerevier als Ausgangspunkt für die sinnbildliche Darstellung des kosmischen Kreislaufs. "Mein Elternhaus befindet sich in ca. 450 m Entfernung direkt gegenüber einer Kokerei. In meiner Kindheit habe ich heimlich auf diesem weiträumigen Betriebsgelände, zwischen rabenschwarzer Erde und Kokskohlenstücken gespielt. Es war für mich faszinierend zu beobachten, wie der glühendheiße, scheinbar flüssige Koks, brennend in Loren unter einen Kühlturm einfuhr, um mit Wasser gelöscht zu werden. (...) Aus meiner heutigen Distanz kommt mir das Leben dort wie ein Ritual vor. Alle dort lebenden Menschen sind direkt oder indirekt vom Bergbau abhängig: die Kohle für den Koks, der Koks für den Hochofen, der Hochofen für das Eisen, der Stahl für die Autobleche. Jeder Autofahrer nimmt die Verkehrsopfer 'in Kauf', so daß mir diese Haltung wie ein neuzeitliches Menschenopfer vorkommt."

Das Gemälde 'Kult' mit seiner raumübergreifenden Leinwand ist ein weiterer Entwicklungsschritt in seinem künstlerischen Werk. 1991 entstehen die ersten hängenden oder liegenden Fresko-Objekte, in denen der Künstler auf die alte Freskotechnik zurückgreift und sie für seine Zwecke weiterentwickelt.

Starke Strukturen und sandige Oberflächen

Betrachtet man Frank Czaplinskis gesamte künstlerische Arbeit, so wird deutlich, daß er unterschiedliche gestalterische Techniken anwendet und sich nicht auf eine Gestaltungsvariante festlegt. Seit 1985 hat er ein umfangreiches grafisches Werk erarbeitet, das Parallelen zur Malerei und zu den Fresko-Objekten aufzeigt. In der Zeit zwischen 1985 und 1988 entstehen hauptsächlich Radierungen. Aufbauend auf seine Erfahrungen mit den herkömmlichen Druckmethoden entwickelt er 1992 ein neues Druckverfahren: den Kunststoffdruck mit Carborund. Gedruckt wird bei dieser Technik mit dem sehr körnigen Carborund. Auf diese Weise entsteht eine Grafik, die durch starke Strukturen und sandige Oberflächen, hervorgerufen durch die Rückstände des Carborund, gekennzeichnet ist.

Die Grafik 'Naturklänge' (1992) wurde mit diesem Kunststoffdruckverfahren gedruckt. Stelenartig erheben sich drei unterschiedlich große Felsformationen, die aufgrund des starken Hell-Dunkelkontrastes skulptural wirken. Der felsige Charakter wird durch die sandige Körnung der Druckoberfläche zusätzlich betont.

Mit Hilfe der Eibe kämpfen

Seit 1991 arbeitet Frank Czaplinski mit der Freskotechnik. Bei dieser künstlerischen Technik wird die Farbe direkt auf den feuchten Putz aufgetragen. Das hat zur Folge, daß sich die Farbpigmente mit der Putzschicht verbinden und sich die Farbe während des Trockenvorgangs verändert. Der Moment des Zufalls wird so zu einem wichtigen Bestandteil des Kunstwerks. Der Nachteil dieses Verfahrens ist, daß der Künstler sehr schnell arbeiten muß, d.h. bevor die Putzschicht trocknet, und im Nachhinein keine Malkorrekturen mehr vorgenommen werden können. Frank Czaplinski hat die Freskotechnik für seine Zwecke weiterentwickelt. Er beschränkt sich nicht auf eine reine Wandmalerei, sondern schafft eine neue 'räumliche' Malerei', nämlich dreidimensionale Fresken.

Das Fresko 'En O Chain' (1993) steht sinnbildlich für das aus der Erde Gewachsene. In seiner formalen Ausprägung erinnert das hängende Fresko an einen knorrigen Ast, der einem Totem gleich in die Höhe ragt. Dieser Ast wirkt nicht als wäre er tot, sondern als würde er leben. Diese Wahrnehmung wird durch die farbliche Gestaltung des Freskos hervorgehoben: das gelbe, einem Ast ähnliche, Gebilde scheint aus seiner grauen Hülle 'herauszuwachsen'.

Der Name 'En O Chain' hat seine Wurzeln in der keltischen Mythologie, in der die vier Grundelemente Erde, Feuer, Wasser und Luft als sichtbare Energie sehr bedeutsam sind. Tiere und Pflanzen nahmen einen großen Stellenwert ein, insbesondere in den Ritualen der Druiden. Die Druiden benutzten bestimmte Bäume für ihren Kult (z.B. das Mistelschneiden an Eichen), da der Baum die göttliche Kraft und die kosmische Energie repräsentiert. 'En O Chain' ist von dem keltischen Namen 'Eochaid' abgeleitet und soviel wie "der mit Hilfe der Eibe kämpfte" bedeutet.

Mit dem Bildmotiv diesen Kräften folgen

"Ich habe beim Grundieren die Spannungen des Tuches und dessen Übertragung auf das Holz des Rahmens beobachtet, so daß ich ein Gespür entwickelte, wie die Zug- und Spannkräfte sich verteilen. Diese Kräfte stehen im Verhältnis zur gesamten Bildform, so daß ich mit dem Bildmotiv diesen Kräften folge, denn jeder Ort auf der Fläche ist 'besetzt' und muß aktiviert werden. Da die Form und das Ergebnis von Kräften untrennbar miteinander verbunden sind, habe ich das Bild 'Mana' genannt. Ein Wort aus dem Polynesischen, das in Polynesien und Melanesien die religiöse Vorstellung von einer in der belebten und unbelebten Natur wirksame Kraft bezeichnet. Anstatt sich der Natur zu fügen, werden diese in der Natur wirkenden Kräfte dienstbar gemacht."

Das Aufprallen des Wassers am Ufer

Ein weiterer wichtiger Gemäldezyklus in Frank Czaplinskis malerischem Werk ist der 1995 geschaffene Zyklus 'Strandgut'. Allen Bildern gemein ist die dargestellte Situation des im Wasser treibenden Strandgutes. Der Künstler hat zwei unterschiedliche Situationen malerisch umgesetzt: zum einen stellt er den bereits angespülten Gegenstand dar, zum anderen hält er ihn im Augenblick seiner Anspülung fest. Das angeschwemmte Objekt ist, obwohl so nah herangerückt, für den Betrachter nicht klar erkennbar, nicht als bestimmten Gegenstand definierbar, so als befände er sich weit draußen auf dem Meer. Der Beobachter muß genau hinschauen, um das Strandgut in der Brandung zu entdecken.

'Strandgut 6' (1995) zeigt den Moment, in dem das, in Tang eingewickelte, Treibgut an den Strand gespült wird. Mit Linien und Farben setzt Frank Czaplinski die Bewegung um. Das Aufprallen des Wassers am Ufer, der Höhepunkt des Bewegungsablaufes, wird durch das weiche Verwischen der Farbtöne am oberen Bildrand deutlich. Der Beobachter fühlt sich an das Schäumen der Brandung erinnert. Das angeschwemmte Gut steht im Mittelpunkt des Bildes. Mit Hilfe der farbigen Gestaltung unterstreicht der Künstler diesen Eindruck zusätzlich. Warme Orange- und Rottöne dominieren in der malerischen Darstellung des Treibgutes und heben sich deutlich von den kühlen Grün- und Blautönen des Hintergrundes ab. Das Strandgut ist für den Betrachter nicht bestimmbar. Er erkennt weder den angeschwemmten Gegenstand, noch seinen ursprünglichen Nutzen. Das Treiben im Wasser hat das Strandgut anscheinend zu einem Bestandteil des Meeres gemacht, es ist sozusagen eine Verbindung mit dem Tang, den übrigen Pflanzen und dem Wasser eingegangen.

Die Leinwand breitet sich aus

Das 1996 fertiggestellte Ölgemälde 'Fluß' vermittelt in der formalen Gestaltung die Vision eines Flußbettes. Auch hier hat der Künstler Kirschholzäste als Rahmen benutzt, um die thematische Darstellung eines Flusses herauszustellen. Die Leinwand breitet sich wie der Fluß in seinem Bett trapezförmig aus. Der Künstler führt den Betrachterblick nicht nur auf die Wasseroberfläche, sondern 'verführt' ihn gleichzeitig in eine fremde Unterwasserwelt. Herausragende Äste kontrastieren mit dem fließenden Wasser, dessen Fließrichtung der Künstler durch die Pinselführung eindeutig festgelegt hat. An den treibenden Ästen und dem Pflanzendickicht des Flußbettes werden die verschiedenen Blicksituationen deutlich.

Die Arbeit 'Fluß' ist ein Beispiel für eine ganze Reihe von Gemälden, die sich mit dem Motiv des fließenden oder stehenden Gewässers auf verschiedene Weise auseinandersetzten. So ergeben sich auch Parallelen zu den Gemälden 'Ast im Moor' (1996) und 'Ausbruch' (1996).

Licht und Schatten verändern die Wahrnehmung

Das liegende Fresko 'Erhebung' (1997) ist unter Verwendung der alten Freskotechnik entstanden. Die 'Erhebung' lehnt sich gestalterisch an die organischen Formen der Natur an. Sie erinnert formal an ein welkes Blatt, dessen Ränder sich durch die Trockenheit nach außen gewölbt haben. Der Betrachter kann von oben in die Wölbung des Freskos hinein schauen, die in Blau-, Rot- und Brauntönen farblich gestaltet ist. Aufgrund der kontrastierenden Gelbfärbung der Freskoränder ergibt sich ein räumlicher Eindruck, der durch die Formgebung des Freskos noch unterstrichen wird. Die 'Erhebung' wird zur Zeit in einem Garten in Wegberg ausgestellt. Vorstellbar ist, daß sich das Fresko in der freien Natur verändert, indem sich in der Wölbung Regenwasser, Laub und tote Insekten sammeln. Der Künstler nimmt diese Vorstellung durch die malerische Gestaltung des Freskoinnern vorweg, erinnert die Bemalung doch an gefallene Blätter und anderer Dinge organischen Ursprungs.

Anders als bei der bemalten Leinwand spielt bei den Fresken das Licht eine entscheidende Rolle. Im Laufe eines Tages wandern Licht und Schatten über das Fresko und verändern es auf diese Weise in der Wahrnehmung des Betrachters.

Das Licht bildet das Werk

1997 beginnt Frank Czaplinski alte Diapositive (die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben) weiter zu bearbeiten, indem er sie chemisch behandelt. Auf diese Weise lösen sich die Farbschichten des Films, verschmelzen miteinander und verwandeln das ursprüngliche Bildmotiv in abstrakte Farbnuancen. Dabei stehen nur die Farben zur Verfügung, die während der Belichtung hervorgerufen wurden, d.h. das Farbenspektrum steht in einem engen Zusammenhang mit dem Bildmotiv. Die so bearbeiteten Diapositive sind der Ausgangspunkt für Frank Czaplinskis aktuelle Arbeiten. Indem er das Diapositiv auf Leinwand bzw. Modell projiziert entsteht ein neues Bild. Dieses wird fotografisch festgehalten, am Computer verändert, auf Folie gedruckt und schichtweise hinter Glas fixiert. Bei diesen Glasbildern wird das Licht zum wesentlichen Bestandteil des Kunstwerkes. Das Licht scheint durch die unterschiedlichen Farbschichten und bildet in der Projektion das Werk.

Im Vordergrund des Glasbildes 'Ahnung' (1998) sitzt eine unbekleidete Frau, die sich dem Betrachter abwendet und in den Hintergrund schaut. Sie führt den Blick des Zuschauers in die hinteren Bildschichten, in einen nicht bestimmbaren Illusionsraum. Der Betrachter blickt mit ihr zusammen in die Tiefe, in stiller Erwartung auf ein Geschehnis oder eine Person. Aufgrund der übereinander liegenden Bildschichten und der farblichen Gestaltung der einzelnen Bildmotive entsteht ein dreidimensionaler Eindruck. Der ruhende Akt ist in goldfarbenes Licht getaucht und hebt sich deutlich von dem blauen Bildhintergrund ab. Der Kontrast zwischen den warmen und kalten Farben, sowie die schattenhafte Wiederholung der ruhenden Frau, verstärken die räumliche Tiefenwirkung.

Interessant ist, daß der Künstler hier die Hinterglasmalerei mit der Freskotechnik verbindet. Der Freskorahmen wird auf diese Weise zum Teil des Bildes.

Die Bilder scheinen aus der Bewegung zu entstehen

Auf der Basis, der seit 1997 geschaffenen Glasbilder, entwickelt Frank Czaplinski 1999 ungewöhnliche Portraits. Der Künstler porträtiert nicht nur die unbekleideten Personen, die zumeist in der Rücken- oder Seitenpartie abgebildet sind, sondern setzt sie darüber hinaus in einen erzählerischen Kontext.

Die Glasbilder 'Samba 1 - 3' (1999) geben einen Einblick in den schnellen Tanz einer Sambatänzerin. Jedes der Bilder zeigt, in drei verschiedenen Ansichten, nur einen Ausschnitt auf die tanzende Frau. Im Mittelpunkt steht die ausschließliche Darstellung der schnellen Bewegung. Die Bilder scheinen aus der Bewegung des Tanzes zu entstehen. Das funkelnde Kostüm der Tänzerin ist nur in den unscharfen Farbpunkten erfahrbar. Das Verwischen der Farben spiegelt den schnellen Tanz der Frau wieder, die in rhythmischen Bewegungen am Betrachter vorbeizieht. Im Vordergrund der künstlerischen Darstellung steht der Rhythmus des Tanzes. Die Tänzerin bleibt anonym, da sie nicht als eine Person wahrgenommen wird.

Überdimensional schweben

Mit dem Objekt 'Schote' (2000) entwickelt der Künstler eine neue Technik. Anstatt, wie bei den Fresko-Objekten, Putz als Grundstoff zu verwenden, benutzt Frank Czaplinski nun Sägespäne. Auf diese Weise ergeben sich neue Gestaltungsmöglichkeiten, da die Objekte nun leichter und flexibler sind. Die 'Schote', die zur Zeit in einem Garten in Wegberg ausgestellt wird, zeigt dies ganz deutlich. Als hängendes Objekt ist sie dort an einem Baum befestigt und scheint aufgrund ihrer Leichtigkeit, wie ein überdimensionales Blatt zu schweben. Interessant ist, daß der Betrachter durch die drehenden Bewegungen einen wechselnden Blick auf die Rück- bzw. Vorderseite des Objektes bekommt. Die 'Schote' hat die Form eines gigantischen Blattes, wobei die Vorder- und die Rückseite jeweils unterschiedlich gestaltet sind. Auf der Vorderseite formen sich organisch anmutende Wülste zu zwei schmalen übereinander liegenden Öffnungen, die aufgrund ihrer Farbigkeit dem Betrachter ins Auge fallen. Im Gegensatz zu den Strukturen der Vorderseite, weist die andere Seite eine glatte, in violetten Farbtönen bemalte, Fläche auf. Die 'Schote' paßt sich aufgrund ihrer organischen Form der natürlichen Umgebung an, allein durch die farbige Gestaltung und die Größe hebt sie sich vor ihrem Hintergrund deutlich ab.

Die Bewegung wird hier zu einem wichtigen Bestandteil des Kunstwerks. Ähnlich einer kinetischen Plastik erlebt der Betrachter das Objekt immer wieder neu, da sich die Wahrnehmung im Zusammenspiel mit Licht und Schatten innerhalb von Minuten verändert.

Simone Schmucker


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